Der kleine Wolf von Stora Karlsö – Ein prähistorisches Vorbild für moderne Koexistenz mit mutigen Jungwölfen

Eine neue Studie aus den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), wirft ein faszinierendes Licht auf die prähistorischen Beziehungen zwischen Menschen und Wölfen. Auf der isolierten Insel Stora Karlsö in der Ostsee entdeckten Forscher Knochenreste zweier Grauwölfe aus der Stein- und Bronzezeit (ca. 5.000–3.000 Jahre alt), die auf enge Interaktionen mit Menschen hindeuten. Darunter die Reste eines klein gewachsenen Wolfes und eines behinderten Wolfes. Tiere, die während ihres Lebens wohl gefüttert wurden. Dieser Fund unterstreicht, dass Menschen bereits vor Tausenden von Jahren Wölfe nicht nur jagten, sondern sich um diese kümmerten und in ihrer Nähe hielten – möglicherweise für Jagdunterstützung, rituelle Zwecke oder als Haustiere. Heute sehen wir Parallelen in aktuellen Fällen weniger scheuer Jungwölfe, die Experten wie Günther Bloch als „Typ A“ klassifizieren: neugierige, mutige Individuen, die natürlicherweise weniger scheu sind und durch menschliche Einflüsse habituiert werden können. Wir vergleichen die Fälle Großhennersdorf, Drenthe und Jessen mit den Ergebnissen der Studie.

Die PNAS-Studie vom 24. November 2025 enthüllt nicht nur den kleinen Wolf von Stora Karlsö, sondern auch einen zweiten, adulten Wolf mit einer schweren Beinfraktur. Trotz dieser Verletzung, die die Jagdfähigkeit stark einschränkte, überlebte das Tier lange genug, um zu heilen – ein klares Indiz für menschliche Pflege. Isotop-Analysen zeigten eine marine Ernährung (Fisch und Robben), die ohne menschliche Hilfe unwahrscheinlich gewesen wäre. Genetisch als echter Grauwolf bestätigt, deutet dies auf Transport per Boot und langfristige Versorgung hin, möglicherweise in einer symbiotischen Beziehung. Die Forscher schließen, dass prähistorische Menschen Wölfe aktiv hielten, was etablierte Domestizierungstheorien erweitert.
Beispielfoto Jungwolf, © Brigitte Sommer

Aktuelle Fälle in Deutschland und den Niederlanden untermauern dies und zeigen, dass Habituation oft menschlich verursacht ist – ein modernes Echo der prähistorischen Haltung?

Der jüngste Fall aus Jessen (Sachsen-Anhalt) ist ein Paradebeispiel und untermauert die Studie aktuell: Ein junger Wolf (ca. 9 Monate) sucht gezielt menschliche Nähe – ohne Aggression, aber mit fehlender typischer Scheu. Laut BILD-Artikel vom 4. Januar 2026 tauchte das Tier an Weihnachten 2025 erstmals bei der Hundeschule Wolf auf: Es beschnupperte Haustür und Vorgarten, zeigte Interesse an einer Hündin und „flirtete“ durchs Gitter. Das Tier trägt ein Sendehalsband (vom LUPUS-Institut), das wohl nicht mehr funktioniert. Jenseits der Landesgrenze in Sachsen soll er mehrmals menschliche Nähe aufgesucht haben. Am 18. Dezember 2025 verfing sich der Wolf in einem Weidezaun und verletzte sich – Experten hofften, die negative Erfahrung würde Scheu fördern. Stattdessen kehrte der Welpe  zurück und zeigte weiterhin reduzierte Fluchtdistanz. Eine Lebendfalle scheiterte bisher. Dieser Wolf ist kein „Problemwolf“ im aggressiven Sinne – er testet Grenzen, wie Typ-A-Tiere es tun. Parallelen zur Studie sind frappierend: Der prähistorische verletzte Wolf überlebte durch Pflege; der heutige könnte durch frühere Nähe (oder Verletzung) habituiert sein. Beides deutet auf flexible Mensch-Wolf-Beziehungen hin, die schon in grauer Vorzeit begannen. 
In Großhennersdorf, Sachsen, spiegelt der Fall vom 22. November 2025 eine ähnliche Dynamik wider. Der 7-monatige Welpe, der habituiert wirkte (Nähe zu Menschen, Spielverhalten), wurde hart vergrämt. Wir berichteten hier: https://wolfsschutz-deutschland.de/2025/12/12/update-zum-grosshennersdorf-protest-unser-widerspruch-gegen-die-art-der-vergraemung-steht-trotz-mobbing-und-doppelmoral/
In einer Kiste, umgeben von 20 Personen mit Lärm und Stößen, dann freigelassen mit GPS-Sender. Bloch’s Typ-A-Beschreibung passt: Neugierig, nicht aggressiv. Es gibt Verdacht auf Fütterung als Ursache, was an die Pflege des verletzten Wolfs erinnert – vielleicht eine unbewusste „Haltung“ durch Menschen. Wir von Wolfsschutz-Deutschland e.V. kritisierten die Methode als überzogen und forderten eine tierschutzgerechte Vergrämung: Untersuchung von Fütterungsquellen, Vergrämung mit Fluchtmöglichkeiten und Bildung, um Konflikte zu vermeiden. Der Welpe überlebte, ähnlich wie der prähistorische Wolf, dank (oder trotz) menschlicher Intervention. Laut einer Anfrage von uns nach dem Umweltinformationsgesetz gab es nach nach der „Hard Release-Vergrämung“ bis Stand 23.12.2025, zwölf weitere „Ereignisse“, davon drei mit der Einschätzung „verlangt Aufmerksamkeit“. Wir sehen darin ein starkes Indiz, dass der Welpe in seiner Kiste tatsächlich nicht wahrnehmen konnte, wer ihn da verschrecken wollte und die Aktion nicht mit Menschen in Verbindung bringt. Wir sehen uns daher in unserem Protest bestätigt. Weiter klärte die UIG-Anfrage, dass der Welpen mit der Kennung MT-15, genetisch zum Rudel Großhennersdorf gehört, das aber in den offiziellen Daten gar nicht mehr auftauchte. Schon vergangenen Winter soll es einen Fall mit einem wenig scheuen Welpen gegeben haben. Wer immer sich da mit einem Wolf vertraut machen will, tut dem Tier keinen Gefallen damit, wenn sich ein Großteil der Gesellschaft von Politik und Medien in Angst vor Wölfen versetzen lässt. Vom 15. Dezember bis zum 19. Dezember 2025 wurde der Welpe MT-15 vier Mal mit einem Paintball-Gewehr beschossen. In den kommenden Wochen soll der Kleine weiter überwacht werden.
Ein weiteres markantes Beispiel ist der Fall in Drenthe, Niederlande. Am 11. Dezember 2025 wurde ein 7-monatiger Wolfswelpe im Nationaal Park Dwingelderveld gesichtet, der zwei Wanderern folgte und spielerisches Verhalten zeigte – er knabberte an Fersen und umkreiste Beine, typisch für Welpen, die Grenzen testen. Die Provinz Drenthe stuft dies als „zorgwekkend gedrag“ ein und plante Monitoring sowie mögliche Vergrämung mit Paintball oder Sedation. Bloch’s Typ-A-Klassifikation passt hier perfekt: Der Welpe wirkt neugierig, nicht aggressiv und es gibt keine Beweise für Angriffe. Dennoch könnte Habituation durch menschliche Interaktionen – vielleicht unbeabsichtigte Fütterung oder Nähe – eine Rolle spielen, was an die marine Diät des kleinen Wolfs von Stora Karlsö erinnert. Statt panischer Maßnahmen plädieren wir bei Wolfsschutz-Deutschland e.V. für humane Alternativen: Frühe, sanfte Vergrämung durch Rufe, Klatschen oder Steinwürfe, um natürliche Scheu zu fördern, ohne Stress zu erzeugen.

Zusammenfassung der Studie

KI-generiertes Bild, da die damalige Situation darstellen könnte.

Vor 3.000 bis 5.000 Jahren lebten Menschen auf einer winzig kleinen Insel in der Ostsee namens Stora Karlsö (nur 2,5 Quadratkilometer groß, weit weg vom Festland). Auf dieser Insel gab es von Natur aus gar keine großen Landsäugetiere – Wölfe konnten also unmöglich allein hinschwimmen oder übers Eis laufen. Trotzdem haben Forscher in einer Höhle dort Knochen von zwei echten Grauwölfen gefunden. Die Wissenschaftler haben die Knochen genau untersucht:

  • DNA-Analyse → Es waren 100 % wilde Grauwölfe, keine Hunde und auch keine Mischlinge.
  • Ernährung (durch chemische Tests an den Knochen) → Die Wölfe haben fast nur Fisch und Robbenfleisch gefressen – genau wie die Menschen dort, die Robben jagten und fischten. Normale, wilde Wölfe jagen lieber Rehe oder andere Tiere auf dem Land, also haben die Menschen die Wölfe wahrscheinlich mitgefüttert.
  • Knochenbau → Einer der Wölfe war ziemlich klein (wie bei Tieren, die lange in der Nähe von Menschen leben). Der andere hatte eine schwere Verletzung am Bein und konnte kaum laufen – trotzdem hat er lange überlebt. Ohne Hilfe von Menschen wäre das unmöglich gewesen.

Die Forscher sagen: Die Menschen haben die Wölfe mit dem Boot auf die Insel gebracht und dort lange Zeit mit ihnen zusammengelebt. Sie haben sie gefüttert, gepflegt und vielleicht sogar für die Jagd oder aus anderen Gründen bei sich gehabt – alles lange bevor es die ersten richtigen Haushunde gab. Das zeigt: Die Beziehung zwischen Menschen und Wölfen war schon vor Tausenden von Jahren viel enger und vielfältiger, als man früher dachte. Es ging also nicht nur ums Jagen oder Angst voreinander – manche Menschen haben Wölfe richtig gehalten und versorgt. Die Studie ist sehr spannend, weil sie zeigt, wie flexibel Menschen damals mit Wildtieren umgehen konnten und weil sie ein Schlaglicht auf den teilweise hysterischen Umgang mit Wölfen von heute legt. 

Unsere eigene wilde Seite

Spielende Wolfshunde. © Brigitte Sommer

 

Seit Tausenden von Jahren leben Menschen und Wölfe (oder ihre Nachkommen, die Hunde oder seit einigen Jahren auch Wolfshunde) Seite an Seite. Die ersten Wölfe, die sich den Menschen annäherten, wurden zu unseren treuesten Begleitern – und diese enge Verbindung hat Spuren hinterlassen, nicht nur in der Geschichte, sondern auch in den Genen. Manche Wissenschaftler vermuten, dass diese lange Co-Evolution eine Art genetisches Echo in uns hinterlassen hat. Wir teilen mit Wölfen (und Hunden) nicht nur ähnliche soziale Strukturen – Rudelzusammenhalt, starke Bindungen – sondern vielleicht auch tief sitzende Gefühle. Wölfe verkörpern für viele Freiheit, Stärke, Wildheit und Loyalität – Eigenschaften, die in unserer eigenen evolutionären Vergangenheit als Jäger und Sammler eine große Rolle spielten. Wenn jemand einen Wolf sieht und sofort eine tiefe Faszination oder Sehnsucht spürt, könnte das mehr sein als nur Romantik. Es könnte ein uraltes Wiedererkennen sein: Ein Stück gemeinsamer Ahnen-DNA, das in uns anspricht. Wie bei manchen Menschen, die sich zu Bergen oder dem Meer hingezogen fühlen, weil ihre Vorfahren dort überlebten – so könnte der Wolf in uns eine Erinnerung wecken an die Zeit, als wir noch enger mit der Wildnis verbunden waren. Natürlich ist das keine bewiesene Wissenschaft, sondern eine spannende Idee aus Evolution und Psychologie. Aber es erklärt vielleicht, warum Wölfe für so viele Menschen etwas Magisches haben: Sie erinnern uns an etwas, das tief in unserem Erbgut schlummert – an unsere eigene wilden Seite.

Quelle:

Die Studie wurde am 24. November 2025 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht und trägt den Titel „Gray wolves in an anthropogenic context on a small island in prehistoric Scandinavia“.Vollständiger Link:
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2421759122
DOI: 10.1073/pnas.2421759122Autoren: Linus Girdland-Flink, Anders Bergström, Jan Storå, Erik Ersmark, Jan Apel, Maja Krzewińska, Love Dalén, Anders Götherström und Pontus Skoglund (Senior-Autor vom Francis Crick Institute).
Weitere Quellen:

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2 Gedanken zu „Der kleine Wolf von Stora Karlsö – Ein prähistorisches Vorbild für moderne Koexistenz mit mutigen Jungwölfen

  1. Schon im Buch “ Julie von den Wölfen“ wird die Geschichte vom Eskimomädchen Miyax und dem Zusammenleben mit den Wölfen erzählt. Das Buch ist traurig, aber sehr lesenswert.

  2. in nordamerikanischen gefilden haben die „indianer“ mit den wölfen in ihren umgebungen ganz-selbstverständlich zusammengelebt, sie angefüttert und „abgeschlagen“, sie als essabfälle-entsorger genutzt, ihnen bei schlechtwetter teils quartier gegeben, usw, alles überhaupt kein problem, und ähnlich wars bei unseren vorfahren in europa, erst das gottverdammte christentum hat dann bestimmte tiergruppen wie rabenvögel, mäuseartige, eulen, katzen, wölfe usw als „höllentiere“ stigmatisiert und das mit bekloppten legenden wie „heiligem hubertus“ etc unterfüttert (siehe die bis heute ganzen „christlich“-verbrämten jagdtraditionen) , wodurch die agenda bestimmte tiere-arten zu verfolgen und möglichst auszurotten in den vordergrund geriet („macht euch die tiere untertan“, statt: begegnet ihnen auf augenhöhe, wie etwa im buddhismus ganz selbstverständlich)

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