Die Natur funktioniert nicht nach unserem Drehbuch: Was uns der Wolfsforscher Dries Kuijper über unsere Illusion von Kontrolle lehrt
Von Zeit zu Zeit erscheinen Texte, die tiefer gehen als die übliche Debatte um „Problemwölfe“ und Abschussgenehmigungen. Eines dieser Gespräche führte das Magazin der Polnischen Akademie der Wissenschaften mit Dr. habil. Dries Kuijper, einem der renommiertesten Wolf- und Ökosystemforscher Europas aus Białowieża. Kuijper bringt eine zentrale Erkenntnis auf den Punkt: Die Natur richtet sich nicht nach den Szenarien, die wir uns ausdenken.
Der moderne Mensch als Technokrat
Wir leben in einer Zeit, in der viele glauben, die Natur sei eine Art technisches System, das man optimieren, steuern und kontrollieren kann. Förster planen Waldumbau bis ins letzte Detail, Naturschutzbehörden erstellen Managementpläne und Politiker erlassen Verordnungen, wann und wo ein Wolf „erlaubt“ ist. Kuijper beobachtet diese Haltung besonders in Westeuropa:

Die Illusion der totalen Beherrschung
Je mehr wir versuchen, alles zu beherrschen, desto deutlicher zeigt sich, dass wir es nicht können. Wölfe siedeln sich nicht dort an, wo wir ökologische Korridore planen. Sie folgen nicht unseren Managementplänen. Sie erinnern uns permanent daran, dass wir nur ein Teil dieses Systems sind – nicht dessen Herrscher. Statt diese Demut anzunehmen, greifen wir erneut zur alten Methode: Mehr Kontrolle, mehr Abschüsse, mehr Verordnungen. Als ob wir mit genug Bürokratie und Gewehren die Wildnis endlich „in den Griff“ bekommen könnten. Eine andere Wahrnehmung ist möglich. Kuijper, der selbst aus den Niederlanden stammt, hat in Polen gelernt, dass man mit Wölfen zusammenleben kann – ohne ständige Angst und ohne den Zwang, alles regulieren zu müssen. Das erfordert jedoch etwas, das unserer heutigen technokratischen Gesellschaft schwerfällt: Akzeptanz von Unvorhersehbarkeit und die Bereitschaft, der Natur wieder mehr Raum zu geben.

































