Wölfe als unerwartete Gärtner der Natur – und warum ihr Schutz nicht von „Nützlichkeit“ abhängen darf

Eine neue Studie aus den USA zeigt eindrucksvoll, was Wölfe für Ökosysteme leisten können: Blaubeersamen, die den Verdauungstrakt von Wölfen passiert haben, keimen deutlich besser und schneller als Samen, die direkt aus den Beeren entnommen wurden. Der Keimerfolg lag bei 96 Prozent gegenüber 69 Prozent bei den Kontrollsamen. Auch die Keimgeschwindigkeit war spürbar höher – die mediane Zeit bis zur Keimung betrug 19 statt 26 Tage. Wölfe verbreiten die Samen zudem über große Distanzen, weil sie weite Strecken zurücklegen.

Besonders beeindruckend ist, wie stark Blaubeeren im Sommer die Nahrung der Wölfe prägen. Im Greater Voyageurs Ecosystem in Minnesota machen Beeren während der Hauptsaison (Juli bis August) bis zu 83 Prozent der wöchentlichen Nahrung erwachsener Wölfe und über 30 Prozent der Nahrung der Welpen aus. Wölfe würgen die Beeren sogar für ihre Jungen hoch – ein Zeichen dafür, dass sie saisonal eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Welpen spielen können.Lange Zeit wurde die Ausbreitung von Samen und die Förderung der Pflanzenvielfalt vor allem Weidetieren zugeschrieben – Rindern, Schafen und Ziegen, die durch Verbiss, Tritt und Kot die Landschaft gestalten.
Wölfe fressen Heidelbeeren. Das Bild ist KI-erstellt.
Die neue Untersuchung belegt nun, dass auch große Beutegreifer wie der Wolf solche Leistungen erbringen. Durch den massenhaften Verzehr von Früchten und die anschließende Ausscheidung der Samen tragen sie zur genetischen Vernetzung von Pflanzenpopulationen und zur Besiedlung neuer Standorte bei.Damit reiht sich die Studie in eine Reihe von Erkenntnissen ein, die immer wieder die ökologische Bedeutung von Beutegreifern unterstreichen. Wölfe beeinflussen nicht nur Beutetierbestände, sie wirken auch direkt auf die Verbreitung von Samen und sogar von Pilzsporen ein. Sie sind Teil eines komplexen natürlichen Gefüges.
Doch genau hier liegt ein wichtiger Punkt: Der Schutz des Wolfes – und aller wildlebender Tiere – darf nicht davon abhängen, wie „nützlich“ sie sich für den Menschen oder für bestimmte ökologische Ziele erweisen. Wölfe sind Geschöpfe, die von der Natur hervorgebracht wurden. In ihrem natürlichen Kreislauf hat jedes Lebewesen seinen Platz und seinen Sinn. Nur wir Menschen meinen, wir müssten ständig eingreifen, steuern und „herumfuhrwerken“, als sei die Natur ein System, das ohne unsere Kontrolle nicht funktioniere. Die Nützlichkeit, die Studien wie diese aufzeigen, ist ein wertvolles Argument in der gesellschaftlichen Debatte. Sie hilft, Vorurteile abzubauen und die vielfältigen Verbindungen sichtbar zu machen. Doch sie darf niemals zur Bedingung für den Schutz werden. Ein Lebewesen hat nicht deshalb ein Recht auf Existenz, weil es uns irgendwie dient.
Es hat dieses Recht, weil es Teil der lebendigen Natur ist.
Für Wolfsschutz-Deutschland e. V. bedeutet das: Wir freuen uns über jede wissenschaftliche Erkenntnis, die die Rolle des Wolfes in Ökosystemen besser verständlich macht. Gleichzeitig bleiben wir dabei: Der Wolf gehört in unsere Landschaften – nicht weil er immer wieder seine Nützlichkeit beweisen muss, sondern weil er ein natürliches Anrecht darauf hat. Unser Auftrag ist es, diesen Platz zu verteidigen und gleichzeitig den notwendigen Schutz von Weidetieren durch wirksame Herdenschutzmaßnahmen voranzubringen. Beides gehört zusammen.

Hier geht es zur Studie:

Die Macher dieser Studie sind Teil des Voyageurs Wolf Project, einer Forschungskooperation der University of Minnesota und des National Park Service. An der Veröffentlichung waren maßgeblich Forscher wie Austin D. Gross, Projektleiter Thomas D. Gable sowie Ökologen und Feldbiologen beteiligt.

https://royalsocietypublishing.org/rsbl/article/22/8/20260279/483026/Wolves-increase-germination-speed-and-success-of

 

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