Zwischenbilanz einer Langzeitstudie räumt mit zahlreichen Wolfsmythen auf
Im Jahr 2014 initiierte das Artenschutzbüro Unteres Odertal in Kooperation mit dem Safe Wildlife Conservation Fund eine praktische Feldstudie zum Thema „Der Wolf in der europäischen Kulturlandschaft“ (Arbeitstitel: „Der Wolf im Unteren Odertal“). Anlass war die Entdeckung einer sich gründenden Wolfsfamilie in Westpommern, direkt an der Oder im Internationalpark Unteres Odertal. Ziel war es, über zehn Jahre die Interaktion zwischen Wölfen und Wildtierbeständen sowie zwischen Wölfen und Weidetierhaltung zu beobachten und zu analysieren. Aufgrund der Einschränkungen während der Corona-Pandemie wurde der Untersuchungszeitraum bis 2030 verlängert. Angesichts der rasanten Entwicklung im Umgang mit der Art Wolf – vom streng geschützten Tier zum jagdbaren Individuum – veröffentlichen wir von Wolfsschutz-Deutschland e. V. hier ausgewählte Zwischenergebnisse dieser Langzeitstudie des Artenschutzbüros Unteres Odertal. Sie sollen ebenso zur fachlichen Einordnung beitragen, als auch über unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse informieren, die einen Bogen zur zukünftig verheerenden Situation der Wölfe in Brandenburg schlagen.
Untersuchungsgebiet und Methoden
Das Untersuchungsgebiet umfasst etwa 200 Quadratkilometer Kulturwald, überwiegend Kiefernforste. Es konnte auf ein bereits vorliegendes Monitoring des Schalenwildbestandes zurückgegriffen werden.
Die Methodik umfasst:
- 40 Wildkameras, die schrittweise bis auf ein Kerngebiet von 5.000 Quadratmetern eingegrenzt wurden,
- Fährtenverfolgung, Losungsanalysen, Kontrolle von Höhlen und Dickungen,
- tägliche Eigenbeobachtungen, dokumentiert durch Fotos, Videos und Tonaufnahmen,
- enge Kooperation mit Forst, Jagd und Weidetierhaltern vor Ort.
Teilweise wurden abwandernde Individuen auf ihrer Route bis ins neue Revier in Deutschland begleitet.

Welpensterblichkeit bei 50 Prozent
Zum Jahreswechsel 2013/2014 stellte das Artenschutzbüro während der Ranzzeit die Anwesenheit einer jungen Fähe im Untersuchungsgebiet fest. Kurze Zeit später gesellte sich ein bereits betagter Rüde dazu. Ende April warf die Fähe vier gesunde Welpen (zwei Fähen und zwei Rüden). Da keine Vorjahreswelpen vorhanden waren, die als „Babysitter“ fungieren konnten, ergaben sich besonders aufschlussreiche Beobachtungen zum Verhalten und zur Entwicklung des Familienverbandes. Im zweiten Jahr blieb eine der jungen Fähen bei den Eltern und übernahm die Aufsicht über den neuen Wurf. Ideale Bedingungen – üppiger Schalenwildbestand, günstiges Klima und ausreichende Wasserversorgung – führten zu einem Wurf von acht Welpen. Gleichzeitig bestätigte sich die wissenschaftlich angenommene Welpensterblichkeit von rund 50 Prozent.
Anmerkung Wolfsschutz-Deutschland e V. : Hochaktueller Bezug. In einigen Bundesländern möchte man 40 Prozent der Welpen erschießen. Dieser Weg würde zur erneuten Ausrottung des Wolfs führen.
Über den bisherigen Untersuchungszeitraum variierte die jährliche Welpenzahl zwischen 0 und 8, abhängig vom Vorjahresniveau, dem Nahrungshabitat und den klimatischen Bedingungen. Das territoriale Rudel besteht stets aus einem Elternpaar und ein bis zwei vorjährigen Tieren als Aufsicht für den neuen Wurf. Die Höchstzahl reviertreuer Individuen lag im Sommer bei 11, die Mindestzahl in der Ranzzeit bei 2. Daraus ergibt sich nach den Erfahrungen der Studie eine durchschnittliche Rudelgröße von sechs Individuen pro Revier.
Anpassungsfähigkeit und Sozialverhalten
Viele überlieferte Vorstellungen über den Wolf aus anderen Forschungsgebieten, Ländern und Kontinenten lassen sich laut Artenschutzbüro nicht ohne Weiteres auf die mitteleuropäische Kulturlandschaft übertragen. Der Wolf benötigt weder dichten Wald, noch Wurfhöhlen, weder Einsamkeit noch absolute Stille. Er erweist sich als bemerkenswert anpassungsfähig an die vom Menschen geprägte Landschaft und an natürliche Hindernisse. Hoch sozial organisiert lebt der Wolf in einer Art „Kindergarten“ für den Nachwuchs und sorgt für alte oder verletzte Familienmitglieder – ein Verhalten, das einzigartig ist. Im Beobachtungsgebiet lebten unter anderem Wölfe mit weggeschossenen Hinterläufen oder Ruten. Nach den Erfahrungen der Studie stellt die illegale Jagd mindestens ebenso große Probleme dar, wie der Straßenverkehr und eventuelle Seuchengeschehen. Bei einem guten Wildtierbestand, wie er sowohl in Polen, als auch in Deutschland vorhanden ist, bleibt der Nahrungsanteil von Haus- und Nutztieren vernachlässigbar gering – vorausgesetzt, es gibt geeigneten Herdenschutz. Dieser sollte aus versicherungs- und tierschutzrechtlichen Gründen eigentlich verpflichtend sein.
Wanderwölfe ohne eigenes Revier nutzen gerne ungeschütztes Weidevieh. Auch reviertreue Tiere können bei mangelhaftem Herdenschutz auf Nutztiere zurückgreifen. In solchen Fällen muss die Prävention verbessert werden. Eine pauschale Bejagung im weiten Umkreis hat sich als kontraproduktiv erwiesen: Nach Zerstörung des Familienverbandes vervielfachten sich die Übergriffe auf Weidevieh – vergleichbar mit Beobachtungen beim Schwarzwild. Fremde durchwandernde Wölfe wurden im Beobachtungsgebiet mehrfach registriert. Sie wurden weder vom Stammrudel angegriffen. noch aufgenommen; es zeigte sich ein respektvoller Umgang und die Akzeptanz fremder Reviere. Gezielte, feste Rendezvousplätze, wie sie etwa aus der Lausitz beschrieben werden, konnten nicht belegt werden. Stattdessen wechselten die Begegnungsstellen täglich und unregelmäßig. Regelmäßiges Anheulen des Mondes blieb aus; eher herrschte vorsichtige Stille – ein Hinweis darauf, dass der Wolf versteht, sich für Menschen unsichtbar zu machen. In all den Jahren und unzähligen Begegnungssituationen wurde niemals aggressives Verhalten beobachtet – weder unter den Wölfen noch gegenüber Menschen. Typischer Ablauf einer Begegnung: Wahrnehmung, Entfernung, erneute Sichtung des Störers und dann Verschwinden.
Wolf und Weidetierhaltung
Parallel zur Wildtier-Interaktion wurden Schafhaltungen (eingekoppelt und angepflockt), Pferdehaltung im Offenstall sowie Rinderfreilandhaltung begleitet. Stromführende Zäune von mindestens einem Meter Höhe liefern gute Ergebnisse, solange der Strom tatsächlich fließt. Höhere Wildzäune wirkten oft auch ohne Strom längere Zeit abweisend. Wo Probleme auftreten, leisten Herdenschutzhunde wertvolle Dienste. Pferde und Rinder sind relativ groß und wehrhaft; Schwierigkeiten gibt es eher bei Kälbern und Schafen. Bereits 2014 wies das Artenschutzbüro in einem Entwurf für einen bundesweit gültigen Managementplan darauf hin, dass auf die Entwicklung der Art zügig reagiert werden müsse. Nach Einschätzung der Studienverantwortlichen könne nur geeigneter Herdenschutz in Kombination mit einer gezielten Entnahme im Überwindungsfall am Schadenort die Situation dauerhaft beruhigen. Ein Bestandsmanagement sei bei einem Prädator, der Abgänge durch steigende Reproduktion selbst ausgleicht, unabhängig vom Erhaltungszustand nicht angezeigt. Zwischenbilanz und bisherige Erkenntnisse. Anmerkung: Hier stimmen wir von Wolfsschutz-Deutschland e. V. nicht überein.
- Wölfe in der mitteleuropäischen Kulturlandschaft brauchen keine Wildnis. Weder dichte zusammenhängende Wälder noch menschenleere Ruheräume sind erforderlich. Entscheidend ist das Nahrungsangebot.
- Wurfhöhlen sind nicht zwingend nötig; Dickungen, Gräben und ähnliche Strukturen reichen aus.
- Feste Rendezvousplätze sind nicht zwingend; die Welpenstandorte wechseln relativ häufig.
- In der Kulturlandschaft jagen Wölfe überwiegend als Einzeltiere. Erst in der zweiten Jahreshälfte werden die Welpen zum Anlernen mitgeführt.
- Die Interaktion mit dem Wildbestand verläuft nach einer anfänglichen Unruhephase in der Revierbildungszeit ausgewogen und friedlich – vergleichbar mit afrikanischen Wasserstellen, an denen Großkatzen und Beutetiere nebeneinander ruhen. Hunderte Belege dokumentieren dieses Miteinander. Füchse, Dachse oder Katzen werden äußerst selten Opfer.
- Ansiedlungen erfolgen relativ heimlich. Mensch-Wolf-Begegnungen bleiben die Ausnahme und betreffen meist unerfahrene Jungtiere aus Neugier.
- Wölfe sind gesundheitlich äußerst robust. Der Hauptanteil der Bedrohung geht vom Menschen aus (Verkehr und illegale Jagd).
- Die durchschnittliche Rudelgröße liegt bei sechs Individuen. Für Brandenburg mit 60 belegten Rasterzellen ergäbe das beispielsweise rund 360 Tiere. Eine überlebensfähige Reproduktion von 30 Prozent erscheint den Studienverantwortlichen unbelegbar. Überlebende heranwachsende Welpen wandern meist weit ab.
- Die Rudelstruktur – ein reiner Familienverband mit „Kindergarten“ sowie Alten- und Krankenpflege – zeugt von hoher sozialer Kompetenz.
Die praktischen Feldstudien des Artenschutzbüros Unteres Odertal stellen eine dringend benötigte Ergänzung zu den zahlreichen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten dar. Auch wenn einzelne Thesen widerlegt werden, bestätigt sich die gemeinsame Erkenntnis: Eine Koexistenz von Mensch und Wolf ist durchaus möglich.

Laut Artenschutzbüro wurde der Schritt der EU, Herdenschutz weiter zu fördern und den Schutzstatus abzusenken, um sogenannte Problemwölfe kurzfristig und rechtssicher entnehmen zu können, in Deutschland nicht umgesetzt. Stattdessen wird suggeriert, eine reguläre Bejagung könne Probleme mit Weidevieh lösen. Das Gegenteil wird der Fall sein: Die Population droht genetisch zu verarmen und teilweise zu hybridisieren – Entwicklungen, die sich bereits heute in Schweden beobachten lassen.Wir von Wolfsschutz-Deutschland e. V. wünschen uns, dass das Ergebnis dieser und weiterer Arbeiten nicht über eine erneut ausgerottete Art handeln wird.
An dieser Stelle distanzieren wir uns von Wolfsschutz-Deutschland e. V. klar von der Position des Artenschutzbüros: Wir sind gegen jeglichen Abschuss von Wölfen. Jeder Wolf kann zum sogenannten „Problemwolf“ erklärt werden, um Abschüsse zu legitimieren. Stattdessen fordern wir die Finanzierung von Herdenschutzmaßnahmen unabhängig von festgelegten Wolfsterritorien – bundesweit einheitlich. Dies würde auch die Schäden durch Wanderwölfe deutlich minimieren.
Wir von Wolfsschutz-Deutschland e. V. wünschen uns, dass das Ergebnis dieser und weiterer Arbeiten nicht über eine erneut ausgerottete Art handeln wird. Die Studie räumt mit zahlreichen Mythen auf, die bislang als wissenschaftlicher Standard galten, und beweist damit eindrucksvoll: Es gibt nicht die eine einzige Wissenschaft.
Quellenangabe / Kontakt zur forschenden Organisation:
Karsten Arnold
Projektleiter
Artenschutzbüro Unteres Odertal
Staatlich anerkannte und gemeinnützige Umwelt- und Naturschutzorganisation
16303 Schwedt/Uckermark
Vorsitz: Dajana Witt
artenschutzbuero@web.de (mailto:artenschutzbuero@web.de)
Karsten Arnold
Projektleiter
Artenschutzbüro Unteres Odertal
Staatlich anerkannte und gemeinnützige Umwelt- und Naturschutzorganisation
16303 Schwedt/Uckermark
Vorsitz: Dajana Witt
artenschutzbuero@web.de (mailto:artenschutzbuero@web.de)
Aktueller Bogen zur Situation des Wolfs in Brandenburg
Das Artenschutzbüro Unteres Odertal möchte zudem über eine geplante Pressekonferenz zum aktuellen Umgang mit dem Wolfsmanagement informieren. Nachdem die Diskussion im vergangenen Jahr etwas entemotionalisiert worden war, scheint die Landesregierung Brandenburg im Schatten der vielen anderen aktuellen Probleme im Land einen Managementplan zu entwerfen, der einer erneuten Ausrottung des Wolfs Tür und Tor öffnen könnte. Bereits jetzt sei die illegale Jagd auf den Wolf stark angestiegen, da durch die Herabstufung des Schutzstatus und die Aufnahme ins Bundesjagdgesetz die Hemmschwelle deutlich gesunken zu sein scheint.In der 16. Sitzung des Umweltausschusses Brandenburg sei klar umrissen worden, wohin die Reise gehen solle: Von wolfsfreien Zonen und Lappjagd auf ganze Rudel sei die Rede, ebenso von Welpentötungen und Quotenjagd. Die Jäger sollten sich die getöteten Wölfe als Trophäen an den Kamin stellen können. Zudem solle die Jägerschaft das Monitoring übernehmen, um Mittel zu sparen und den Erhaltungszustand als gut zu bestätigen, damit weiter getötet werden könne. All diese Punkte, die auch im Entwurf einer Allgemeinverfügung zum Ausdruck gekommen seien, entsprächen weder der EU-Gesetzgebung noch deutschem Recht oder den Artenschutzkonventionen.Zusätzlich habe der Deutsche Jagdverband (DJV) ein zweistündiges Schulungsvideo online gestellt, um seine Mitglieder zur Tötung von Wölfen anzuleiten. Dieses Video strotze vor biologischem und rechtlichem Unwissen. All diese Entwicklungen müssten öffentlich angesprochen werden, damit wieder ein entemotionalisierter Diskurs zum Thema möglich werde. Qualitativer Herdenschutz müsse endlich forciert werden, denn die Jagd auf den Wolf könne das nicht leisten. An Stellen, an denen dieser überwunden werde, müssten Wölfe nach Auffassung des Artenschutzbüros kurzfristig und rechtssicher entnommen werden, um die Weidetierhalter zu schützen. All dies sei bereits mit der bestehenden Brandenburger Wolfsverordnung und der Schnellschussverordnung möglich gewesen. Der letzten Position widersprechen wir von Wolfsschutz-Deutschland e. V. energisch. Mit dem Rest liegen wir im Konsenz.


