Wölfe riechen unsere Angst – und werden davon nicht dreist, sondern vorsichtiger

Es gibt diesen hartnäckigen Glauben: Wenn ein Mensch Angst hat, merkt der Wolf das und wird erst recht frech oder gar gefährlich. Eine neue Studie aus Wien räumt mit diesem Bild ziemlich gründlich auf.

Forscherinnen und Forscher der Veterinärmedizinischen Universität Wien haben handaufgezogene Wölfe und ganz normale Haushunde dem Geruch von menschlichem Angstschweiß ausgesetzt. Die Versuchspersonen hatten vorher Horrorfilme geschaut, damit richtig Angstschweiß entstehen konnte. Diesen Geruch haben die Tiere dann gerochen – ohne dass ein ängstlicher Mensch sichtbar oder hörbar anwesend war. Das Ergebnis war überraschend klar: Weder Wölfe noch Hunde wurden von dem Angstgeruch angezogen. Im Gegenteil. Beide Arten wirkten plötzlich unsicherer.
Sie blieben kürzer an den Geruchsproben, schauten häufiger zur Trainerin und wirkten insgesamt zurückhaltender. Die Hunde brachen die Tests sogar etwas öfter vorzeitig ab. Bei den Wölfen war dieser Effekt nicht ganz so stark, aber die Grundtendenz war dieselbe. Besonders spannend ist die Schlussfolgerung der Wissenschaftlerinnen: Diese Fähigkeit, menschliche Angst über den Geruch wahrzunehmen, ist kein Ergebnis der Domestikation. Sie war schon bei Wölfen vorhanden, lange bevor der erste Hund entstanden ist. Hunde haben also nichts „dazugelernt“, was ihre wilden Verwandten nicht auch können. Das Gespür steckt offenbar tief in der Evolutionsgeschichte der Caniden.
Beispielfoto Wolf. © Brigitte Sommer

Was folgt daraus für uns?

Zum einen relativiert die Studie die Vorstellung, Wölfe würden ängstliche Menschen als leichte Beute erkennen und deshalb angreifen. Das beobachtete Verhalten spricht eher für das Gegenteil: Der Geruch von Angst macht sie vorsichtiger, nicht mutiger. Sie suchen Orientierung, wirken unsicher – aber nicht aggressiv. Zum anderen zeigt sie, wie fein Wölfe menschliche Emotionen lesen können. Sie brauchen dafür weder laute Stimmen, noch eine bestimmte Körpersprache. Schon der Geruch reicht aus. Das erklärt, warum ruhiges und souveränes Verhalten bei Begegnungen so oft empfohlen wird – und warum Panik die Situation verkomplizieren kann. 

Natürlich ist eine Laborsituation mit handaufgezogenen Tieren nicht dasselbe, wie eine Begegnung in der Natur. Trotzdem liefert die Studie einen wichtigen Baustein: Wölfe sind sensible, sozial komplexe Tiere mit einem ausgeprägten Gespür für den Zustand ihres Gegenübers. Angst lockt Wölfe also nicht an. Also können Angsthasen im Umkehrschluss auch entspannter bleiben. 

Hier geht es direkt zur Studie:

„Human-socialized dogs and wolves show similar behavioural reactions to human fear odour“Autoren: Svenja Capitain, Sarah Marshall-Pescini, Friederike Range Veröffentlicht: 13. Juli 2026 in der Fachzeitschrift Animal CognitionDOI / Link:
https://doi.org/10.1007/s10071-026-02083-z
bzw. direkt: https://link.springer.com/article/10.1007/s10071-026-02083-z

Kurzinhalt:Handaufgezogene, menschensozialisierte Wölfe und Hunde reagierten sehr ähnlich auf den Geruch von menschlichem Angstschweiß. Beide Arten zeigten Unsicherheitsverhalten (weniger Zeit an den Geruchsproben, häufiger Blickkontakt zur Trainerin usw.). Die Fähigkeit, menschliche Angst über den Geruch wahrzunehmen, scheint also älter als die Domestikation zu sein. Die Studie stammt vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

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