Die Natur funktioniert nicht nach unserem Drehbuch: Was uns der Wolfsforscher Dries Kuijper über unsere Illusion von Kontrolle lehrt

Von Zeit zu Zeit erscheinen Texte, die tiefer gehen als die übliche Debatte um „Problemwölfe“ und Abschussgenehmigungen. Eines dieser Gespräche führte das Magazin der Polnischen Akademie der Wissenschaften mit Dr. habil. Dries Kuijper, einem der renommiertesten Wolf- und Ökosystemforscher Europas aus Białowieża. Kuijper bringt eine zentrale Erkenntnis auf den Punkt: Die Natur richtet sich nicht nach den Szenarien, die wir uns ausdenken.

Der moderne Mensch als Technokrat

Wir leben in einer Zeit, in der viele glauben, die Natur sei eine Art technisches System, das man optimieren, steuern und kontrollieren kann. Förster planen Waldumbau bis ins letzte Detail, Naturschutzbehörden erstellen Managementpläne und Politiker erlassen Verordnungen, wann und wo ein Wolf „erlaubt“ ist. Kuijper beobachtet diese Haltung besonders in Westeuropa:

Besipeilfoto Wolf. © Brigitte Sommer
„Viele wollen kein zusätzliches ‚Chaos‘. Sie bevorzugen, dass alles geordnet, vorhersehbar und unter Kontrolle ist.“ Diese technokratische Weltsicht hat uns über Generationen geprägt. Wir haben große Beutegreifer ausgerottet, weil sie nicht in unser geordnetes Bild von „Nutzlandschaft“ passten. Wir haben versucht, den Wald wie einen Plantagengarten zu führen.
Und jetzt, wo die Wölfe von allein zurückkehren, reagieren wir mit demselben Reflex: Wir wollen sie wieder kontrollieren – mit Abschussgenehmigungen, die nur wenige Wochen nach der Lockerung des Schutzes erteilt werden. Einige Bundesländern werden sogar Jagdquoten erstellen. 

Die Illusion der totalen Beherrschung

Kuijper zeigt eindrucksvoll, wie sehr wir uns täuschen. In Białowieża haben die Wölfe das gesamte Ökosystem verändert – nicht weil sie besonders viele Hirsche töten, sondern weil sie das Verhalten der Pflanzenfresser verändern. Die Hirsche meiden bestimmte Gebiete aus Angst, junge Bäume wachsen dort besser, der Wald wird strukturreicher.Die Natur funktioniert als komplexes, dynamisches System – nicht als Maschine, die auf Befehle hört.
Und genau hier liegt die große Lektion:
Je mehr wir versuchen, alles zu beherrschen, desto deutlicher zeigt sich, dass wir es nicht können. Wölfe siedeln sich nicht dort an, wo wir ökologische Korridore planen. Sie folgen nicht unseren Managementplänen. Sie erinnern uns permanent daran, dass wir nur ein Teil dieses Systems sind – nicht dessen Herrscher.
Statt diese Demut anzunehmen, greifen wir erneut zur alten Methode: Mehr Kontrolle, mehr Abschüsse, mehr Verordnungen. Als ob wir mit genug Bürokratie und Gewehren die Wildnis endlich „in den Griff“ bekommen könnten. Eine andere Wahrnehmung ist möglich. Kuijper, der selbst aus den Niederlanden stammt, hat in Polen gelernt, dass man mit Wölfen zusammenleben kann – ohne ständige Angst und ohne den Zwang, alles regulieren zu müssen. Das erfordert jedoch etwas, das unserer heutigen technokratischen Gesellschaft schwerfällt: Akzeptanz von Unvorhersehbarkeit und die Bereitschaft, der Natur wieder mehr Raum zu geben.
Beispielfoto: Spielende Jungwölfe.

Für uns als Wolfsschutz-Deutschland e. V. ist diese Botschaft zentral. Wir kämpfen nicht nur für jedes Wolfsleben und gegen einzelne Abschussgenehmigungen. Wir hinterfragen die Grundhaltung, dass jedes „Problem“ mit einem weiteren Eingriff in die Natur gelöst werden muss. Die Rückkehr der Wölfe ist eine Chance, endlich zu lernen, dass wir die Natur nicht beherrschen können – und dass genau das kein Scheitern ist, sondern der Beginn einer reiferen Beziehung zu ihr. Die Natur funktioniert nicht nach unserem Drehbuch. Vielleicht wird es Zeit, dass wir unser Drehbuch endlich an die Natur anpassen?

Quelle:
Polska Akademia Nauk (PAN) ist die nationale Akademie der Wissenschaften Polens – vergleichbar mit der Leopoldina in Deutschland oder der Royal Society in Großbritannien. Sie ist eine der wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen des Landes mit zahlreichen Forschungsinstituten (darunter das Säugetierforschungsinstitut in Białowieża, an dem Dries Kuijper arbeitet).
Hier der Link zu einem Übersetzungsprogramm: http://www.deepl.com

Wolf in Bissendorf: Rotkäppchensyndrom und die wahren Gefahren für unsere Kinder

Achtung: Jägerlatein im Wald. Die Sichtung eines einzelnen Wolfs in Bissendorf wird wieder einmal zum Anlass für überzogene Maßnahmen. Wolfsberater Frank Schlattmann, ein bekannter Jäger, rät dazu, mit Kindergruppen den Wald zu meiden, und beruft sich auf vage Sicherheitsbedenken. Dieser Rat ist nicht nur unsinnig, sondern schadet unseren Kindern mehr, als er nützt – gerade nach den Folgen der Corona-Krise. Der Wolf ist ein Gewinn für die Natur – die wirklichen Gefahren lauern anderswo.

Der Wolf: Ein scheues Tier, keine Bedrohung

Der Wolf in Bissendorf ist ein Einzelgänger, der Rehe und ungeschützte Schafe gerissen hat – ein natürliches Verhalten, das niemanden überraschen sollte. Die Empfehlung, Kindergruppen aus dem Wald fernzuhalten, ist jedoch völlig überzogen. Wölfe sind scheu und meiden Menschen konsequent. Das Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) bestätigt: Es gibt in Deutschland keinen einzigen dokumentierten Fall eines Wolfsangriffs auf Menschen. Selbst in wolfsreichen Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg nicht. Die Chance, dass ein Kind einem Wolf begegnet – geschweige denn attackiert wird –, ist praktisch null. Schlattmanns Rat schürt unnötige Angst und raubt Kindern die Naturerfahrung – ein Rückschlag, den sie nach den Einschränkungen der Corona-Krise nicht brauchen.

Ein Jäger mit Eigeninteressen?

Frank Schlattmann ist nicht nur Wolfsberater, sondern auch Jäger. Diese Doppelrolle wirft Fragen nach seiner Objektivität auf. Jäger sehen Wölfe oft als Konkurrenz, da sie Wildbestände reduzieren, die für die Jagd interessant sind. Ist sein Ratschlag wirklich von Sorge um Kinder getrieben – oder dient er dem Interesse, den Wolf als Bedrohung darzustellen und seine Population zu kontrollieren? Die Jägerschaft lobbyiert seit Jahren für eine stärkere Bejagung von Wölfen. Schlattmanns Empfehlung könnte somit weniger der Sicherheit dienen, sondern vielmehr den Wolf in der öffentlichen Wahrnehmung diskreditieren – ein Manöver, das dem Naturschutz schadet.

Die echten Gefahren für Kinder – und die Rolle der Natur

Achtung: Jägerlatein im Wald. Das Jägerrotkäppchen. KI-Bild von GROK/X generiert.

 

Statt einem harmlosen Beutegreifer nachzujagen, sollten wir uns den realen Risiken widmen. Verkehrsunfälle fordern jährlich etwa 20 Kinderleben, oft auf dem Schulweg oder in Wohngebieten – verursacht durch Autos, nicht durch Wölfe. Hunderte Kinder werden zudem jedes Jahr durch Hundebisse verletzt; 2023 meldete das Statistische Landesamt Niedersachsen über 1.200 Bissvorfälle, viele mit Kindern als Opfer. Im Wald sind Zecken, die Borreliose oder FSME übertragen, eine größere Gefahr – Tausende Fälle jährlich, auch bei Kindern. Dazu kommt die erschütternde Realität von Gewalt: Laut Bundeskriminalamt wurden 2023 über 17.000 Fälle von Kindesmisshandlung registriert, meist im familiären Umfeld.
Die Corona-Krise hat diese Lage verschärft. Studien zeigen, dass Kinder massenhaft psychische Schäden erlitten haben – Angststörungen und Depressionen stiegen laut Robert Koch-Institut um über 30 Prozent. Gleichzeitig entwickelten viele Übergewicht durch monatelange Schließungen von Schulen und Sportstätten; die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin meldete 2022 einen Anstieg der Adipositas-Rate bei Kindern um 25 %. Bewegung in der Natur ist für sie jetzt wichtiger denn je – sie stärkt Körper und Geist. Den Wald zu meiden, wie Schlattmann vorschlägt, ist das Letzte, was unsere Kinder brauchen.
Und dann gibt es noch die Gefahren durch Jäger selbst. Die Initiative zur Abschaffung der Jagd dokumentiert seit 2002 anhand von Presseberichten Jagdunfälle und Straftaten mit Jagdwaffen. Sie gibt an, dass jährlich bis zu 40 Menschen in Deutschland durch Jäger und deren Waffen sterben könnten – sowohl durch klassische Jagdunfälle (z. B. Verwechslung mit Wild) als auch Beziehungstaten (z. B. ein Jäger erschießt Familienmitglieder). Für 2023 meldet die Initiative bis August mindestens 36 Todesfälle, überwiegend durch Beziehungstaten; die tatsächliche Zahl könnte höher sein, da nicht alle Vorfälle publik werden. Die Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften verzeichnen etwa 1.600 Jagdunfälle pro Jahr während legaler Jagdausübung, inklusive Verletzungen und vereinzelt Todesfälle. Damit sind Jäger eine weitaus größere Gefahr für Kinder.

Vernunft statt Hysterie

Der Wolf in Bissendorf ist kein Grund zur Sorge, sondern ein Zeichen für eine gesündere Natur. Schlattmanns Rat, Kinder aus dem Wald zu verbannen, ist nicht nur überflüssig, sondern könnte von jagdlichen Eigeninteressen geprägt sein – und ignoriert die Heilwirkung der Natur nach Corona. Die wahre Gefahr liegt in Autos, Hunden, Krankheiten, Gewalt, den Folgen der Coronapolitik und nicht zuletzt in Jagdunfällen – nicht in einem scheuen Wolf. Statt Hysterie zu fördern, sollten wir unsere Kinder schützen, wo es zählt, und ihnen die Freiheit in der Natur gönnen, die sie verdienen.

Quellen:

https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/osnabrueck_emsland/Wolf-in-Bissendorf-gesichtet-Experte-raet-zur-Vorsicht,aktuellosnabrueck13220.html

https://www.ljn.de/jaegerschaften/melle/wild-und-jagd/jagdausbildung

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